Die Axt, die Autos und die kleinen Schädlinge
Die 248 Kastanien an der Poppelsdorfer Allee haben schon so manche
Bedrohung erlebt: Als die Franzosen ab 1794 in Bonn hausten, musste
Peter Josef Lenné der Ältere, der Vater des berühmten Gartenarchitekten,
energisch darum kämpfen, dass die Truppen und die Bevölkerung die
Kastanien nicht als Brennstoff fällten. Ähnliches geschah nach dem
2. Weltkrieg. Die Bonner baten den britischen Stadtkommandanten
um Kohle aus dem Ruhrgebiet und er antwortete: "Fällt doch die Bäume
eurer Allee". Als tatsächlich der erste Baum fiel, ging Professor
Erich Hofmann zum Kommandanten und erklärte ihm, welche Arroganz
und Missachtung der Kultur dies sei. Die Bäume bleiben daraufhin
stehen.
Nach dem 2. Weltkrieg begann das lange Ringen um Baum- und Umweltschutz
kontra Parkplatznot und Autoverkehr. Bereits in den 60er Jahren
wurde darüber gestritten, ob Autos zwischen den Bäumen parken sollten.
Holzpfähle sollten dies verhindern. Doch bis in die 80er Jahre gab
es auf der Südseite der Allee zwischen den zwei Baumreihen noch
eine zweite Fahrspur und Parkplätze quer zwischen den Bäumen. Weil
dieser Asphalt den Boden versiegelte und die Abgase den Bäumen schadeten,
wandelte die Stadt Bonn die zweite Fahrbahn von 1984 bis 1989 in
einen Park-Weg für Fußgänger und Radfahrer um. Außerdem wurde der
Asphalt der ersten Fahrbahn durch Kopfsteinpflaster ersetzt. Insgesamt
wurden 12.000 Quadratmeter Boden "entsiegelt". Die Anwohner erfuhren,
was den Bäumen schadet: Tausalz, Öl und Abgase.
Auch Technik soll den Bäumen helfen. Ein erster Versuch mit
Bewässerungs- und Düngelöchern 1964 war nicht von Erfolg gekrönt.
Seit den 80er Jahren werden die Bäume unterirdisch bewässert. Nach
einem israelischen Patent aus der Negevwüste gibt ein undichter
Schlauch in der Erde je nach Bedarf Nässe ab.
Ein weiterer Streitpunkt schwelt auf der Allee: 1980/81 wollte
die Stadtverwaltung die Straßenbahnlinie 61/62 als Tunnel ein Stück
unter der Poppelsdorfer Allee führen. Für den Bau hätten ein riesiger
Schacht geöffnet und bis zu 100 Bäume gefällt werden müssen. Prompt
regte sich Bürgerprotest und schließlich war der Plan vom Tisch.
Noch nicht entschieden ist die seit über 30 Jahren drängende Frage
der sogenannten Hardtbergbahn. Sie soll die westlichen Stadtteile
besser anbinden und würde ein Stück entlang der Allee verlaufen.
Zunächst als oberirdische Bahn beschlossen, einigten sich die Parteien
nun auf eine unterirdische Führung unter der Poppelsdorfer Allee.
Gegner des Projekts betonen, dass dafür Bäume gefällt werden müssten.
Die Befürworter entgegnen, dass nur drei Bäume betroffen seien und
auch durch die Grundwasserabsenkung keine Gefahr für den Baumbestand
bestehe. Viele Bürger sind gegen die Bahn. Die alternativen Verkehrsclubs
wie VCD, BUND und ADFC sprechen sich für die Bahn aus, weil dadurch
der Autoverkehr reduziert würde. Allerdings ohne oder mit möglichst
wenig Tunnel.
Nicht nur der Mensch schädigt die Bäume der Allee. Ende September
dieses Jahres mussten wieder einmal vier Kastanien aus Sicherheitsgründen
gefällt werden. Sie waren morsch und von Schädlingen befallen. Die
meisten Bäume der Allee sind weiß blühende Kastanien. Und die werden
Opfer der Miniermotten. Die Larven saugen die Blätter der Bäume
förmlich aus. Deshalb sind die Kastanienblätter schon früh im Herbst
braun und unansehnlich. Einen "indian summer" gibt es auf der Poppelsdorfer
Allee nicht! Die Ersatzbäume für die vier gefällten Kastanien werdenrot
blühende Exemplare sein, weil diese nicht von den Schädlingen befallen
werden.
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